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Einmal Paradies und zurück |
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Buecher -
Neue Bücher
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Geschrieben von Andreas Ohlberger
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Mittwoch, 11. August 2004 |
Wohl kaum ein anderes Buch wurde von der Tonträger-Industrie mit mehr Spannung erwartet als Tim Renners „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!“. Würde der ehemalige Chef von Universal Music Deutschland über seine ehemaligen Kollegen herfallen? Seine Widersacher bloß stellen? Nichts von alledem.
Renners Geschichte beginnt 1987 mit seinem Einstieg in die Musikindustrie. Im zarten Alter von 22 Jahren wurde der Studienabbrecher und freiberufliche Journalist getrieben von dem Gedanken, das erste große Enthüllungsbuch über die Plattenindustrie zu schreiben. In der Position des Junior-A&R stieg Renner, praktisch als eine Art Frühform des „Embedded Journalist“, bei der Hamburger Plattenfirma Polydor ein. Dass dies der Anfang eines Weges war, der ihn eines Tages zu einem der wichtigsten Männer im europäischen Musikgeschäft machen würde, ahnte er damals freilich noch nicht. Als er bemerkt, dass das Business bereit ist, seine Ideen aufzunehmen und ihm in vielfacher Hinsicht freie Hand bei seinen Entscheidungen gewährt, legt Renner endgültig sein Misstrauen ab und wird Teil der großen Maschinerie.
Im Folgenden nimmt er den Leser mit auf einer Reise durch die Musikgeschichte, die ab einem gewissen Zeitpunkt mit seinem persönlichen Werdegang verschmilzt. Am Wegesrand stehen große Wegbereiter der Phonoindustrie, wie Ahmed Ertegun (Atlantic Records), Island-Gründer und Bob Marley-Entdecker Chris Blackwell oder der exzentrische Virgin-Chef Richard Branson, die mit Hingabe und Musiksachverstand die Geschicke ihrer Betriebe leiteten. Mit offenem Mund schaut der Leser dann zu, wie sich die Plattenfirmen im Fusionswahn zu großen, starren, unbeweglichen und vom Bilanzdruck gepeinigten Monstern entwickeln. Er erfährt, wie sie diesem Druck durch Produktion belangloser – weil gehaltloser – One-Hit-Wonder und unzähliger, nicht weniger dünnblütiger Kompilationen zu entfliehen versuchen. Er erfährt, wie sie uneins untereinander und jede für sich hilflos der globalen Vernetzung und den damit verbundenen Problemen gegenüber stehen, so dass ihr Tod keine Frage des „ob“ sondern nur noch des „wann“ zu sein scheint.
„Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!“, ruft Tim Renner den verängstigten Plattenbossen in Anlehnung an die 80er-Jahre-B-Seite der Palais-Schaumburg-Maxi „Telephon“ zu. Denn im zweiten Teil des Buches widmet sich der 39-Jährige anhand verschiedenster Beispiele aus anderen Wirtschaftszweigen den potenziellen Auswegen aus der Krise. Warum er diese nicht schon zu seiner Zeit an der Spitze von Universal Deutschland verwirklicht hat, ist die zweite Geschichte, die das Buch erzählt. Die des persönlichen Scheiterns von Tim Renner, der den Kampf gegen die Widerstände in den eigenen Reihen, gegen verkrustete Strukturen und das Diktat der Konzernspitze in den USA verloren hat und, einmal vor die Wahl gestellt, freiwillig das Paradies von einst verlassen hat. Den Sparkurs des Mutterkonzerns, der vorsah, mehr auf internationale als auf deutsche Künstler zu setzen, wollte er nicht mittragen.
Dennoch trägt Renner in seinem Buch keine Privatfehden an die Öffentlichkeit, veröffentlicht keine peinlichen Enthüllungen a la Bohlen & Co. und tritt nie übel nach – obwohl er all dies vermutlich locker könnte. Renner ist kein Nestbeschmutzer, sein Buch lediglich die schonungslose Analyse des Ist-Zustandes, das durch die Fülle von Backgroundinformationen für jeden Musikfreund von großem Interesse sein dürfte. Von der Erfindung des Grammophons zum Peer-to-Peer-Netzwerk und darüber hinaus in 300 Seiten: Noch nie wurde die Geschichte der Musikindustrie umfassender und gleichzeitig so auf den Punkt formuliert wie in diesem Buch. Kaufen!
Das Buch ist im Campus Verlag erschienen und seit dem 27. September im Buchhandel erhältlich. Ein Interview mit Tim Renner wurde auf www.motor.de veröffentlicht.
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