(Köln, E-Werk) Am Samstag kamen sie dann doch noch. Mit Verspätung zwar, aber dafür spielfreudiger, als es dem Gastgeber lieb war. Gute zwei Stunden unterhielten die BABYSHAMBLES im Kölner E-Werk die Massen. Frontmann Pete Doherty wirkte dabei unerwartet lebendig.
 Schau doch nicht so traurig, kleiner Pete (Foto: SMASH-MAG.com) Die BABYSHAMBLES sind derzeit die unberechenbarste Band im Rock-Zirkus. Das liegt zum größten Teil an ihrem Leadsänger, dem Alptraum englischer Eltern, Pete Doherty. Dieses permanent zwischen Untersuchungshaft und dem nächsten Drogenrausch mäandernde Abziehbild eines Menschen flößt den Briten derzeit mehr Furcht ein, als es Jack the Ripper jemals zu tun vermochte. Wie eine Horde ausgehungerter Geier stürzt sich die Yellowpress im Vereinten Königreich regelmäßig auf alles, was Doherty so treibt. Wissend, dass dies in neun von zehn Fällen ausreicht, die Leserschaft gehörig zu schockieren. Denn nur was schockt, verkauft sich auch.Über das Privatleben von Pete weiß dank SUN und Co. mittlerweile Gott und die Welt bescheid. In Deutschland, BILD macht’s möglich, ist Doherty durch seine Liaison mit Supermodel Kate Moss und Fotos, die beide beim gemeinsamen Drogenkonsum zeigen, in die Schlagzeilen gerückt. Dementsprechend viele „Gaffer“ hatten sich am 10. Mai im Kölner E-Werk eingefunden. Kamerateams von ARD und ZDF hofften, Doherty würde zum Auftakt der kurzen Deutschland-Tour ähnlich auftrumpfen wie unlängst auf einem Festival in Norwegen: Beim dritten Lied kotzte er auf die Bühne, beim fünften Lied prügelte er sich mit einem Roadie, ehe das Konzert dann während des sechsten Liedes abgebrochen wurde. Doherty leimt sie alle, indem er erst gar nicht zum angesetzten Termin erschien. Angeblich verpasst der 27-Jährige gleich zwei Flieger. Mit den Fernsehteams verprellt er gleichzeitig rund 1.500 Besucher, die zum Zeitpunkt der Absage im Kölner E-Werk auf die BABYSHAMBLES warteten. Dieser Missachtung zum Trotz ist die Konzerthalle in Köln-Mülheim beim Nachholtermin drei Tage später wieder ordentlich gefüllt. Die Uhr zeigt 20:20 Uhr, als die BABYSHAMBLES die Bühne betreten. In Frauenkleidern. Die „Ladyshambles“. Ein genuscheltes „Sorry, we’re a little bit late“. Das muss als Entschuldigung reichen. Seid doch froh, dass wir überhaupt gekommen sind. Danach entwickelt sich dennoch ein kurzweiliger Auftritt. Weil Pete offenbar nicht gewillt ist, mit Ansagen für Längen im Set zu sorgen. Weil die vier Bandmitglieder durchaus Spielfreude an den Tag legen. Und weil die BABYSHAMBLES ein bemerkenswertes Album im Gepäck haben, von dem viele Stücke live viel mehr von sich preisgeben als auf der heimischen Stereoanlage. Nicht zuletzt dank Dohertys Habitus: seiner unbeholfenen Tanzeinlagen, seinem tuntig-weibischen Getue und seiner zur Schau gestellten Hilfsbedürftigkeit. Thees Uhlmann, Sänger von TOMTE, brachte die Beobachtung eines BABYSHAMBLES-Konzerts mal auf den Punkt: „Wir sehen Pete Doherty gerade beim Sterben zu.“ Und genau so ist es. Der Rest der Band verkommt zur Staffage, die Augen sind gebannt auf den Frontmann gerichtet. Wie er sich auf der Bühne windet, seinen Körper dem Publikum mit jeder Textzeile erneut entgegenschleudert. Geknechtet, als wolle er sein böses anderes Ich abschütteln. Erlösung durch Musik, das Konzert als Reinigungsritual. Man möchte ihn in den Arm nehmen. „Pete, es wird alles wieder gut“ sagen. Musikalisch ist es keine Offenbarung, was Doherty und seine Begleiter an diesem Abend auf der Bühne darbieten. Über die schwächeren Passagen der Show hilft der Voyeurismus hinweg. Und doch blitzt hier und da das Geniale auf. Beim wunderschönen „Albion“, das erst zu Tränen rührt um dann am Ende in einem abgrundtiefen Gitarren-Krescendo zu versinken. Bei der treibenden Hymne „Pipedown“ oder beim bis ins letzte Detail zelebrierten „Fuck Forever“.
Er lässt auch die halbe Stunde Pause zwischen Set und Zugabe erträglich werden. Doherty eröffnet mit zwei LIBERTINES-Nummern, „The Man Who Would Be King“ und „Can’t stand me now“, stellt die Band vor, jeder darf noch ein kleines Solo spielen – und „Fuck Forever” bildet das Finale Furioso. Denkste. Einmal mehr an diesem Abend zeigt sich die eingangs erwähnte Unberechenbarkeit der Band. Auf dem Höhepunkt angekommen verpassen die vier den Absprung, nudeln weitere drei Songs herunter, ehe der Veranstalter ihnen den Saft abdreht. Unbeeindruckt spielen Doherty und Co. einen weiteren Song über die Monitor-Boxen, um, als auch die abgedreht werden, unter dem frenetischen Jubel des Publikums die Bühne zu verlassen. Skurril und bizarr, erschreckend und zugleich faszinierend. Ein Konzert, das alles war und doch wieder nicht. Ein Künstler, der seine Hilflosigkeit perfektioniert und sich damit selbst inszeniert. Eigentlich ist Doherty Schauspieler. Er spielt sich selbst und das brillant, auf bemerkenswerte gleichzeitig verabscheuungswürdige Art und Weise. Solange, bis ihn die Realität eines Tages einholt. Lange kann es nicht mehr dauern. »
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