(Hamburg, Logo) Nachdem BOYSETSFIRE lange von der Bildfläche verschwunden waren und die Zukunft der Band zeitweise auf der Kippe stand, kann man ihre erste richtige Tour (nach den Einzelkonzerten im letzten Sommer) als eine Art Comeback ansehen. Mit dem Konzert in der Hansestadt, die auf früheren Gastspielreisen sehr stiefmütterlich behandelt wurde, war dann auch schon beinahe das Tourende erreicht und natürlich war das Logo seit Wochen ausverkauft. Wahrscheinlich hätte der Veranstalter die dreifache Menge an Tickets absetzen können, aber wenigstens konnte man die Band (zum letzten Mal?) in einem derartigen Rahmen erleben.
Schon beim Betreten des Logos schlug einem stickig-heiße Luft ins Gesicht, die jedoch nicht auf die Kappe der Vorband ging, sondern von den bereits dichtgedrängten Fans verursacht wurde. Die Hausherren THREE CHORD SOCIETY boten nicht mehr (aber auch nicht weniger) als eine typische „Vorband-Band“: Optisch knapp über der Volljährigkeit konnten die Jungs musikalisch einfach keine Linie finden. Mal spielten sie hoppeligen Skatepunk, dann auf einmal 08/15-Screamo, ohne irgendwelche eigene Akzente setzen zu können.
Nachdem HELL IS FOR HEROS aus sehr fadenscheinigen Gründen abgesagt hatten (angeblich war ihnen der Platz im Billing zu unattraktiv…), waren auch schon TRIBUTE TO NOTHING an der Reihe, die im Gegensatz zu TCS die ultimative Vorband sind: Kaum eine Gruppe hat in der Bundesrepublik mehr Namen supportet. Und obwohl die dauertourende Band, die ja wirklich an jeder Steckdose halt gemacht hat, auch in Hamburg äußerst aktiv war, schien kaum einer im Publikum die Engländer zu kennen. Überhaupt schienen die Glücklichen, die Karten fürs Logo ergattern konnten, alles andere als Szene-afin zu sein, was man besonders beim BSF-Auftritt merken sollte.
Dennoch explodierten TRIBUTE von Anfang, schleuderten nach ca. 10 Sekunden beinahe den Mikroständer in die ersten Reihen und vollführten mal wieder gefährliche Wurf- und Schleudereinlagen mit ihren Instrumenten. Mehr Energie und Bewegung kann man auf einer Bühne nicht entwickeln, da kann auch der berühmte Logo-Bühnen-Stützbalken nichts ändern, mit dem sich der Sänger recht schnell anfreundete. Das Publikum nahm das Treiben recht positiv auf; wirkte aber immer etwas distanziert und extrem lethargisch: Wie man zu so einer Musik nicht einmal mit dem Kopf nicken kann/muss, ist mir einfach unbegreiflich.
Nach einer unverschämt-langen Umbaupause, war es endlich Zeit für die Gruppe aus Delaware, die mit dem Opener ihres aktuellen Albums sehr druckvoll in ihr Set einstiegen. Plötzlich wachten auch die Hamburger auf und bildeten vor der langgestreckten Bühne einen moshenden Klumpen, der bei „Pure“ und besonders „Release The Dogs“ die Temperaturen unaufhaltsam anstiegen ließ. Nathan war heute Abend sehr gut bei Stimme und bewies, dass er noch immer zu den variabelsten Hardcore-Sängern überhaupt gehört. Doch der wirkliche Hingucker war Neuzugang Robert, der im ersten Drittel des Sets den Bandkollegen die Show stahl und immer wieder Kontakt zu den ersten Reihen suchte. Die wenigen Ansagen blieben jedoch bei Nathan hängen, der sich überraschend unpolitisch gab, lieber mit den Fans rumalberte und von der Bühne divte.
Der Stimmungshöhepunkt, bei dem sich das ganze Logo in die Show einschaltete, war überraschend „Handful Of Redeption“, dass die Hamburger textsicher begleiteten. Nach diesem extrem energischen Start mussten Band und Publikum erst einmal ein paar Gänge zurückschalten: Die Temperaturen vor und auf der Bühne ließen beiden Parteien Tribut zollen. Besonders Gittarist Chad Istvan schwitzte nicht mehr; er floss aus. Jetzt begannen sich auch immer mehr Kiddies vor der Bühne zu versammeln, um Nu Metal-like rumzuhüpfen. Im Prinzip völlig uninteressant, nur kommt das bei Stücken wie „Fashion As A Weapon“, „With Every Intention“, oder dem großartigen „My Life In The Knife Trade“ ziemlich deplaziert rüber. Mal ganz abgesehen davon, dass zum Beispiel „Cavity“ kaum einer zu kennen schien und die Klassiker glatt die Durchhänger der Setlist waren. Mit meiner Freude über „The Force Majeure“ blieb ich fast alleine, während die ständigen „Rookie“-Rufe nicht nur der Band tierisch auf die Eier gingen. Nichtsdestotrotz war das Stück auch heute eine Bank, das, gefolgt von „Requiem“ und „After The Eulogy“, das Konzert beendete. Insgesamt war es eine gute Show der Gruppe, die jedoch nicht 100% überzeugen konnte. BOYSETSFIRE sind zwar wieder voll da, aber die alte Aggressivität hat mir heute etwas gefehlt.
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