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DAMIEN RICE: Damien says PDF Drucken E-Mail
Konzerte - Aktuelle Konzerte
Geschrieben von Stephanie Schorre   
Sonntag, 25. März 2007

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Damien Rice (Foto: Stephanie Schorre)
(11.03.2007, Köln, Palladium) DAMIEN RICE auf Deutschland-Tour! Das hat Seltenheitswert, so dass die Show im Kölner Gloria auch nach wenigen Stunden ausverkauft war und man sich entschied, das Konzert zunächst ins E-Werk zu verlegen. Das neue, große Interesse an diesem Ausnahmekünstler überraschte nicht bloß ein wenig, war der Ire doch lange Zeit eher ein Geheimtipp. Wie dem auch sei, selbst das wesentlich größere Palladium platzte schließlich aus allen Nähten. Von Vorteil war dies leider keineswegs.

 

Hätte man sich nicht bereits im Bürgerhaus Stollwerck vor einigen Wochen von den Live-Qualitäten des support acts THE MAGIC NUMBERS jenseits jedes persönlichen Geschmacks überzeugen können, als sie mit den charmant-brachialen Schotten Aereogramme spielten, hätte man wohl angesichts der sehr sonderbaren, nicht so recht nachvollziehbaren Rahmenbedingungen keine wirklich gute Gelegenheit hierzu gehabt. Das bereits bekannte Set sah seinen klaren Höhepunkt in „Slow Down (The Way It Goes)“, das wie schon dort den kurzen, aber bemerkenswerten Ausflug in Kate Bushs „Running Up That Hill“ wagte und einen der intensivsten Momente dieses Auftritts bescherte. Die Bassistin Michele Stodart aktiv wie eh und je, eine Band, die um ihre Stärken weiß und diese sehr bewusst wie gekonnt ausspielt. Das Publikum klatschte entsprechend artig mit, sobald es hierzu aufgefordert wurde. Ihr Gastgeber sollte später bezeugen, es sei unmöglich, ihnen zuzuhören und dabei nicht mit dem Fuß zu wippen und zu lächeln. Respekt wurde der Band nicht nur verbal gezollt: Lisa Hannigan ließ es sich schließlich nicht nehmen, dezent deren Hit „Love Me Like You“ in den erwarteten live-Klassiker „Be My Husband“ einzuflechten.

Wenn aber die Gäste von den Hauptakteuren so geschätzt werden, erscheint es durchaus fragwürdig, sie mit solchen Voraussetzungen zu konfrontieren. Die MAGIC NUMBERS wurden konstant in ein Licht gehüllt, das denkbar unvorteilhaft gewesen ist: gleißendes Weiß von hinten, rot von vorne, eine diffuse, keinem Menschen schmeichelnde Mélange. Nicht gerade sexy. Schlimmer aber dieser Sound! Die Künstler mussten mit einem übermäßig lauten Gewaber vorliebnehmen, das so ungeeignet war wie die gesamte location überhaupt. Der Hinweis sei gestattet, das sind nicht Motörhead oder die Nine Inch Nails – Baßlinien zu lauschen, kann etwas Wunderbares sein, allerdings möchte man deswegen nur ungern auf den Gesang verzichten. Man muß es erst einmal schaffen, diese klaren Stimmen durch Lautstärke ins Unerträgliche zu verzerren und diese so weiche Musik dermaßen zu übersteuern. Den Künstlern kann das nicht angelastet werden. Sympathisch und versiert trotzten sie den widrigen Umständen. Es mag ein Trostpflaster gewesen sein, daß sie an diesem Abend ihr bislang größtes Publikum in Deutschland zu erreichen versuchten. Die MAGIC NUMBERS haben den Menschen Spaß gemacht, sie zum Singen und Tanzen gebracht, und darauf kommt es wohl letztlich an.

DAMIEN RICE wurde vom ersten Augenblick an von der versammelten Menschenmasse gefeiert und auf Händen getragen, fast verehrt, obwohl oder gerade weil er sie oftmals überraschte, wenn nicht verstörte. Man hätte sich einen intimeren Ort gewünscht, um sich ein repräsentatives Bild von den Fähigkeiten dieses Künstlers und seiner exzellenten Band zu machen. Die riesige Bühne des Palladiums vollgepfropft mit Instrumenten, die den ersten Einsatz bei „Delicate“ genossen. Eine wunderbare Nummer, keine Frage. Sollte das die Marschroute für den Rest des Abends sein, leise wie hier mit der Konstante Cello? Würde es gelingen, die ins Palladium mitgebrachten Zweifel zu zerstreuen, ob „so ein Konzert“ in einer derartigen Halle funktionieren würde? „So ein Konzert“, das war ungefähr die größtmögliche Fehleinschätzung, wie RICE & Co. gleich im Anschluss klarmachten, als sie mit „Me, My Yoke and I“ die erste Soundlawine über der fast ausverkauften Halle lostraten. Ein Unwetter aus Instrumentierung, Effekten und dieser wundersam schnarrenden Stimme wurde da heraufbeschworen, und dann geschah etwas, das sich noch mehrfach wiederholen sollte: Eine Nummer wird bis ins kaum noch Hinnehmbare gesteigert, nur noch gewaltig endet sie, das Publikum bricht in Hysterie aus, kreischt, applaudiert, ist überwältigt, doch DAMIEN RICE zeigt sich hiervon unbeeindruckt, beginnt umgehend den nächsten Song mit wenigen, leisen Tönen, erstickt hiermit den frenetischen Jubel im Keime und wirft die Menschen auf ihre Emotionen zurück. So geschehen bei „Eskimo“, stellenweise am Bühnenrand ohne Mikrophon vorgetragen und die Angereisten zum etwas deplazierten Mitsingen verleitend (Assoziation: Gemeinde während eines Gottesdienstes). Aber er wollte das so, ganz klar.

„9 Crimes“ folgte, und RICEs wunderschöne Partnerin Lisa Hannigan stahl ihm, der sich ganz bewußt an den Flügel zurückzog, nur vermeintlich die Show. „Cannonball“ entging, weil die Kamera nicht länger im Palladium geduldet wurde. Bei der Rückkehr klampfte DAMIEN RICE gerade auf der Akustikgitarre eine irgendwie bekannt anmutende Melodie, erzählte von Reminiszenzen („You’ve done a lot of the things that you wanted to do, but you still haven’t become free, you still haven’t become the person that you really wanted to be or that you were when you were twelve, wild and free.“) und bitteren Erkenntnissen („... and then we fucking die.“), die gleichermaßen vom Publikum bejubelt wurden. Die dem vorausgegangene Ankündigung „We don’t have that many uplifting songs.“ konnte nur zur fast-uptempo-Nummer „Coconut Skins“ (stimmt, deshalb kam es bekannt vor) überleiten, das zu einem wahren Percussion-Inferno führte, an dem auch er sich beteiligte und dem Schlagzeug zusetzte wie auch seine Gitarre zu diesem Zwecke kurzfristig umfunktionierte. „Be My Husband“ von Nina Simone mit bereits erwähnter Hommage an die MAGIC NUMBERS mündete in eine Jam-Session, die musikalisch vielleicht anspruchsvoll war, allerdings mehr als nur etwas befremdlich wirkte.

Ein Höhepunkt bot sich mit „Volcano“, das sich zum Finale hin wie ein Elektro-Remix seiner selbst anhörte. Dieses Klangerlebnis hätte mitten ins Herz treffen können und müssen, nur noch mit dem Prädikat „unglaublich“ versehen, „unfaßbar“ eigentlich, und das gerade ließ DAMIEN RICE eben nicht zu, daß man es hätte fassen können: Erneut rasteten die Zuschauer vollkommen aus, aber wieder spielte er einfach so weiter, als wäre nichts geschehen, ließ nun die ersten Akkorde von „The Animals Were Gone“ erklingen. Das Publikum flüsterte andächtig mit, wie im Gebet, bis auf einen Gast, der noch vielfach durch seine „DANKE“-Rufe zumindest auffallen würde. Der Kontrabaß, gezupft, gibt den Takt vor, das Cello schmiegt sich an, und auch die Besen streicheln das Schlagzeug nur noch sanft, das ganze gehüllt in weißes Licht, und die Kirchenatmosphäre ist vollends erschaffen. Dies hätte einen perfekten Schlußpunkt abgegeben. Passend hierzu verließ der Meister sodann die Bühne, man bemerkte die Panik des teils sehr jungen Publikums, doch er machte lediglich Platz für die beiden Damen, die seine perfekte Inszenierung so viel mehr als nur schmückten. Vyvienne Long sang das Stückchen „Random Man on the Motorway“ mit seinem boshaften Text und zupfte die kinderliedhafte Melodie unschuldig, wie nebenbei auf ihrem Cello, von Lisa Hannigan auf dem Flügel und den eifrig im Takt mitklatschenden Menschen begleitet. Voilà, die perfekte Untermalung für einen hundsgemeinen Zeichentrickfilm.

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Damien Rice (Foto: S. Schorre)

Damiens Mannen kommen natürlich auf die Bühne zurück, und der Ire nimmt am Flügel Platz für eine ungewohnt langsame Version von „Rootless Tree“, das Lisa, von goldenem Licht umgeben, mit einem nur noch geflüsterten „Let it out...“ beendet, um sich fast in Eile zurückzuziehen, damit er hoffen kann, fluchen, zweifeln, dann wieder glauben und lieben (etwa „I only wanted to be wonderful, and wonderful is true. In truth, I only really wanted to be wanted by you.“ aus dem eindringlichen „Rat Within the Grain“ oder “I was lost in your river, now I come to a dam.“ in der weiteren Verneigung vor seinen Vorbildern „Is That It My Friend?“). DAMIEN RICE im Zentrum des Geschehens, nur unauffällig von seinen Mitstreitern gestützt, wie durch Lisa Hannigan an einem trötenartigen Instrument und auf dem Fußboden kauernd. Ein wenig effekthaschend schnitt er die lyrics auf den Abend zu („... and I remember it had a great black church in a place called Cologne... and there were Magic Numbers...“), den kleinen Stich gegen das Meer von Fotohandys und Digicams konnte er sich nicht verkneifen. Muß aber auch extrem ausgesehen haben. Leider erwies sich überdies nicht erst hier der im Vergleich zur Vorband zwar insgesamt ausgeglichenere Sound als nicht optimal: Die Texte waren teils gar nicht mehr zu verstehen, der Baß brummte ziemlich viel kaputt. Doch ZACK! ist es wieder weich mit „life goes easy on me most of the time...“.

Das reguläre Set endete mit „The Blower’s Daughter“, ganz plötzlich der fließende Übergang zu Radiohead’s „Creep“ („I can’t take my mind... my mind... my mind... ’cause I’m a creep, I’m a weirdo...“ – begegnet mit Gelächter). Das Palladium wurde für diese Etappe erneut mit Licht und Lautstärke geflutet, und wie selbstverständlich ging es wieder zurück zu den Zeilen „Can’t take my eyes off you“, ein ganz und gar dramatisches, auch unschlagbar kitschiges Ende. Abgang DAMIEN RICE et band. Vorerst.

„Woman Like a Man“ als erste Zugabe, „…you wanna be the bastard of yourself“ – auch dort wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wieviel Aggression in dieser Musik liegt. Schreihals. Und da macht er das ein letztes Mal: Wieder bremst er die tosende Masse für „I Remember“ nur mit seiner Akustikgitarre aus, und die Menge ist still, auch Lisas Stimme hat ihren Beitrag hierzu geleistet. Man lauscht ganz brav, bis sich der DANKE-Typ zum (Gott sei Dank) letzten Mal zu Wort meldet. Das aber ermutigt die Fans zum Applaus und dazu, bei Damiens Part lauthals mitzusingen. Den schreit er wieder durch das seine Stimme ins Groteske verzerrende Mikro, bevor er erstaunlicherweise noch die Beatbox gibt. Weißes Licht reflektiert an den Wirbeln, lila Akzente perfektionieren den Kitscheffekt. Ein einziger Soundmatsch, er schreit heraus, was noch übrigblieb. Dann ist Schluß, weil er es so will.

Man soll nicht mit Gefühlen spielen, heißt es doch immer. Genau das tat DAMIEN RICE aber den ganzen Abend. Damien says. Damien gibt den Ton an, gibt das aktuell zu verspürende Gefühl vor. Wut, Verzweiflung, Trauer, Verunsicherung, Fassungslosigkeit, Erleichterung, Freude, Enttäuschung – und wieder von vorn. Angeboten wurde eine ausgewogene Mischung aus Songs der beiden zu Recht hochgelobten Alben „O“ und „9“, angereichert durch non-album tracks. Daß man ausgerechnet auf „Older Chests“ verzichten mußte, ist natürlich schmerzlich, doch dem vorgegebenen, entrückten wie sterilen Rahmen angemessen. Selbst die leisesten Songs katapultierte er ins kaum noch Erträgliche, und als man gerade noch dachte, jetzt zerfetzt es dich, zack! holte er die Sonne zurück durch einen geschickten Rhythmuswechsel. DAMIEN RICE hatte zu jeder Zeit das Heft in der Hand, seine so heterogenen Fans im festen Griff. Damien says. Wie gerne wieder, doch bitte in einer würdigeren Umgebung.

Info: www.damienrice.com / www.themagicnumbers.net

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