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DISTURBED: Berlin infiziert mit "The Sickness" PDF Drucken E-Mail
Konzerte - Aktuelle Konzerte
Geschrieben von Josephine Günther   
Sonntag, 17. September 2006

(Berlin, Columbiahalle) Lang, lang ist es her, als die "neue" Scheibe "Ten Thousand Fists" von Disturbed genau vor einem Jahr auf den Musikmarkt und in die Hörerohren geboxt wurde. Die dazugehörige Tour wurde wegen Stimmbandproblemen von Goldkehlchen David Draiman zwei Mal verschoben, so dass kaum ein Ticketbesitzer noch an eine Liveshow der vier Nu Metaller aus Chicago geglaubt hatte. Doch am Sonntag brach in der Berliner Columbiahalle die aufgestaute Vorfreude los wie ein Strom aus orgiastischer Begeisterung und unglaublicher Spielfreude.

Dabei standen die Zeichen von Anfang an auf Flaute. Da wurde zwei Stunden vor Konzertbeginn vom Huxley in die Columbiahalle gewechselt (fraglich, wie viele Nichtberliner letzeres nicht rechtzeitig hatten finden können) und vermutlich als Entschädigung noch eine zweite Vorband den angekündigten Einheizern von "Nevermore" zur Seite gestellt. Es sollte halt eine richtige Sause werden. Doch das junge Nu Metal Trio, dessen Namen im eiskalten Schweigen und der Regungslosigkeit des Publikums unterging, verschwindet nach fünf Songs abrupt von der Bühne und wohl ungerechterweise aus jedem Gedächtnis. Den alten Eisen von "Nevermore" ergeht es ähnlich. Die Neuformation aus den Resten der Progressiv Metaller "Sanctuary" aus Seattle bestechen zwar mit ungebändigter, langer Haarpracht und bringen in den vordersten Reihen vereinzelte Köpfe zum Bangen, aber der starkverhallte, unerträglich monotone Gesang des Frontmannes, die schwermütige Death Rock-und-doch-nicht-ganz-Metal- Klangtapete und die viel zu seltenen, zweistimmigen Solos der zwei Gitarristen führten zu Schmerzen in den Ohren, verstärktem Bierkonsum und gelangweilten, jungen Gesichtern, die sich ermüdet auf den Boden gesetzt hatten und auf ein baldiges Ende der Altmetaller zu warten schienen. Kein Zweifel, wer an diesem Abend der Hauptact war und die Bude zum Kochen bringen sollte.

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Foto: smash-mag.com
Nach der zweiten Umbaupause, in der die bessere Lichtanlage, das bessere Mischpult und das riesige Hintergrundbild vom "Ten Thousand Fists"- Cover ausgepackt wurde, dann endlich geht das Licht aus, der Jubel erwacht und wie auf ein stummes Kommando werden 5000 Fäuste in die Höhe gestreckt. Das Publikum scheint wie ausgewechselt. Zu älteren Hits wie "Stupify" oder "Voices" wird nicht nur vor der Bühne im Moshpit, sondern auch darauf kräftig abgerockt, als hätten zwei Freunde sehnsüchtig darauf gewartet sich mal nach langer Zeit wieder zu umarmen. Aber auch die neuen Songs, wie das hymnische "Just Stop" oder das losstürmende "Guarded", gehen ab, wie Schmidts Katze auf Ecstasy. Eine ungeheure Energie geht von Gitarrist Dan Donegan und dem neuen, unbekannten Bassisten aus, die man wie wilde Tiere endlich wieder von der Kette losgelassen hat, und keine Frage, wie gut sich die einjährige Ruhepause auf Draimans einmalige Stimme ausgewirkt hat. Jeder Ton sitzt, markanter Rap, Ratamata-Geräusche und virtuos cleaner Gesang verbinden sich zu einem explosiven und mitreißendem Gemisch, an dem sich der "Nevermore"-Frontmann ein Beispiel nehmen könnte.

Zwischen ein paar netten Brocken Deutsch, kommt auch die Höflichkeit nicht zu kurz und es wird gefragt: "Hat es sich gelohnt so lange zu warten?" Die Frage beantwortet der tosende Jubel von selbst, denn das lange Warten, auch an diesem Abend, ist schon lange vergessen und verziehen. "Ich werde alles tun, damit so ein Scheiß nicht wieder passiert." Das hört man doch gern.In die Finalrunde wird dann mit dem Cover vom Genesis-Klassiker "Land of Confusion" gestartet, was zu heftigem Mitsingen und kollektivem Springen anstachelt. Dann fehlt eigentlich nur noch eins. "Sieht aus, als wäre Berlin mit "The Sickness" infiziert." lautet die letzte Ankündigung und schon bricht der Orkan aus Begeisterungsschreien, Schweiß und umherwirbelden Körpern vollends los. Das ist der reinste Emotionscocktail auf Ex. Und dann ist schon wieder alles vorbei, das Licht geht an, kein "We want more" bringt den Zauber wieder zurück und man fühlt sich wie ein Junkie auf Turkey. Spätestens jetzt muss der Großteil der Fans zum Arzt um sich gegen die Sehnsucht auf den nächsten Gig oder ein neues Album behandeln zu lassen.

Info: www.disturbed1.com

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