|
(11.-13.8. 2006, Eschwege, Werra-Insel Werdchen ) Pure Ironie: Nachdem im Vorbericht noch der tolle Sonnen-Sommer gelobhuldigt wurde, zog wenige Tage später die Herbstwetterfront über Mitteleuropa. Und ausgerechnet das Open Flair sollte es besonders dicke treffen. Nach einer sehr beschwerlichen Anreise (die A5 geht mal gar nicht), erreichten wir das schöne Eschwege bei strömendem Regen. Dieser sei laut OLLI SCHULZ zwar lediglich „Teil der Show“ gewesen, dürfte aber etliche Zuschauer von eben dieser ferngehalten haben. Dennoch behielt der Alleinunterhalter vorm Herrn Recht: Fast zeitgleich mit dem Schlussakkord, klarte der Himmel auf.
 Foto: smash-mag.com Vielleicht lag es aber auch an LA VELA PUERCA, die mit ihrem südamerikanischen Sound die niedrigen Temperaturen vergessen ließen. Ein Schwerpunkt lag natürlich auf den letzten beiden Alben, wobei überraschender Weise vor allem die „De Bichos y Flores“ ausgiebig gewürdigt wurde. Und sie machten alles richtig: Obwohl nur ein Bruchteil der Anwesenden die Südamerikaner zu kennen schien, vergrößerte sich die Menge vor der Bühne rapide und auch der Bewegungsfaktor nahm schnell zu. Die Band schien einen guten Tag erwischt zu haben und präsentierte sich für die frühe Uhrzeit erstaunlich agil. Vor allem die beiden Frontmänner Sebastián Teysera und sein Gegenpart Sebastián Cebreiro spielten sich gegenseitig die Bälle zu und sorgten mit ihren charmanten eingedeutschten Ansagen für strahlende Gesichter. Am Ende war der Raum vor der Bühne nur noch eine wogende und tobende Masse tanzender Festivalbesucher, von denen La Vela Puerca zahlreiche neue gewonnen haben dürften. Die perfekte Festivalband!
Dafür, dass TOMTE als einer der Hauptacts anzusehen war, waren nicht besonders viele Menschen vor der Hauptbühne versammelt. Dennoch schienen Uschmann und Co. heute mal wieder besonders gute Laune zu haben, obgleich diese noch nicht den Laberfaktor von Olli Schulz erreichen sollten. "Buchstaben über der Stadt" und "New York" sind gute Songs, die den Auftritt positiv in Erinnerung bleiben lassen sollten, was man von den DONOTS nicht unbedingt behaupten kann. Dies lag aber nicht vorrangig an der Band selbst, sondern am furchtbaren Publikum: Auf einen Schlag war der gesamte Vorplatz der kleinen Bühne voll mit stark-alkoholisierten Halbstarken (sechzehn abwärts), die mal „richtig abgehen“ wollten. Dumm nur, wenn man voll Promilleseeligkeit nicht mehr stehen kann: Während des ganzen Konzertes (!) lagen Kiddies am Boden, fielen um oder trampelten sich gegenseitig nieder. Rücksicht war mal. Erstaunlich war allerdings, wie viel die Kleinen heutzutage aushalten: Nach dem zehnten Schuh im Gesicht würde ich eventuell doch mal drüber nachdenken, in die hinteren Reihen zu wechseln. Die Band selbst zog ein routiniertes Programm durch, das von zwei „okayen“, neuen Stücken bereichert wurde. Zudem coverten sie ebenfalls „okay“ Rancid´s „Olympia W.A.“, was aber wie der Rest des Auftritts nicht richtig zünden wollte. Dafür kamen die Ansagen von Ingo auch etwas zu routiniert fröhlich rüber und die Crowdsurfing-Aktion mit einer Holzscheibe, ging auch eher nach hinten los. Das können die Jungs doch eigentlich besser…
Wenn man jedoch absolut null Erwartungen an eine Band setzt, kann man durchaus positiv überrascht werden. Bei der BLOODHOUND GANG war dem nicht so. Hervorgestochen hat lediglich, dass die Besucher beim Open Flair keine Körperflüssigkeiten bewundern konnten, sondern lediglich den nackten Evil Jared. Dennoch war die Bühnenperformance mal wieder trashig bis asig, kam jedoch hervorragend beim Eschweger Eventpublikum an: Vor allem das Intonieren der deutschen Nationalhymne und das Ausbuhen anderer Ländernamen stimmte doch etwas bedenklich. Schließlich war das hier ein Rockkonzert und kein Fußballspiel! Das wirklich Einzige, was man der Band anrechnen kann, ist, dass sie in ihrer Auszeit ordentlich Musikstunden gehabt zu haben scheint. Im Gegensatz zu katastrophalen Darbietungen vor einigen Jahren, klingt die Bloodhound Gang 2006 musikalisch gut und kann durchaus auf einen fetten Sound verweisen. „Fire Water Burn“, „The Bad Touch“ und „Chasey Lain“ waren nur einige der zahlreichen altbekannten und gernvergessenen Lieder, die von der bierseeligen Menge in Eintracht mitgegröhlt wurden: Das Publikum bekam defintiv die Show, die sie verdient hatte. Dennoch hatte man fortwährend das Gefühl, dass die Ansagen und das Stageacting alles andere als spontan waren. Dennoch fühlte sich die Mehrheit gut unterhalten: „Die waren gar nicht soooooo scheiße, wie ich gedacht hatte“, meinten zwei Teenies nach dem Konzert. Stimmt irgendwie.
Was am Vortag La Vela Puerca waren, waren heute CULCHA CANDELA: Während es bei Die Happy erneut vom Himmel herabregnete, konnten die Berliner eine trockene und tanzwillige Menge vor der Bühne versammeln. Auch wenn anfangs noch naive Hip Hop-Klischees erfüllt wurden (die Hälfte der MCs klammerte sich an Handtüchern fest), brachen die Songvielfalt (Seeds meets Orishas) und das sehr aufgeschlossene Publikum den Bann.
 Foto: smash-mag.com MILLENCOLIN dürften für zahlreiche Ticketbesitzer, zusammen mit Turbonegro, einen der Hauptgründe für den Festivalbesuch dargestellt haben. Leider waren die Jungs um Sänger Nikola alles andere als gut aufgelegt: Vor allem selbiger vermittelte den Eindruck, als habe er absolut keinen Bock, auf der Bühne zu stehen. Gesanglich war seine Leistung top, aber für die müde Ausstrahlung und den Bewegungsradius von zwei Metern fünfzig konnte er keinen Blumentopf gewinnen. So lag es öfters bei Gitarrist Erik, der sich als einziger in der Band in Normalform zu befinden schien, mit den Fans zu kommunizieren. Zudem wurde nicht zuletzt in Eschwege deutlich, dass Millencolin mit der Vergangenheit abgeschlossen haben: In der Setlist waren beinahe ausschließlich Stücke der letzten drei Alben zu finden. Lediglich in der Zugabe kamen mit einem kurzen Medley aus „Mr. Clean“ und „Story Of My Life“ zwei Klassiker zum Zuge. Ansonsten boten Millencolin eine solide Rockshow, die keinem wehtat. Ein bisschen enttäuscht waren einige Altfans am Ende trotzdem.
Danach stellte sich die Frage: „Geh ich in die Oper, geh ich ins Theater oder gehe ich zu SEEED?“. Die Berliner glänzen auf ihrer aktuellen Tournee zwar durch eine aufwändige und stimmige Show, die jedoch komplett durcharrangiert ist: Nichts ist dem Zufall überlassen. Es gibt auswendig-gelernte Ansagen zu hören, abgesprochene Einlagen zu bewundern (tanzende Mädels, Songunterbrechungen, Publikumsspielchen) und sogar Tanzschritte zu den einzelnen Songs. Absolut nichts wirkt hier spontan, weswegen die Seele des seedschen Sounds nicht zur Geltung kommt. Man konnte noch nicht mal wirklich beurteilen, ob die Band Spaß bei der Arbeit hatte. Zu routiniert und einstudiert bewerkstelligten sie ihren Auftritt, der trotz allem immer noch gut war. In einem derartig Theater-afinen Kontext können die Berliner aber wahrscheinlich gar nicht schlecht sein...
Am Sonntag zogen vor allem Herrschaaren junger Familien vor die Bühne, denn die Stunde hatte das Duo der Hölle ausgespuckt: CHRISTINA STÜRMER und REVOLVERHELD, die tatsächlich schlimmer waren, als ich im Vorfeld befürchtet hatte. Beim zweistimmigen Gesang letzterer rollten sich dem nicht-Radiohörer wirklich die Fußnägel hoch. THE BOSSHOS waren dagegen überragend gut! Auch wenn sich wohl die wenigsten Smash-Leser eine Platte der Westernfreaks zulegen würden, ist die Chose live sehr unterhaltsam. Wahrscheinlich war der Kontrast zu der biederen Christina Stürmer aber einfach zu groß, um negativ vorzustechen. Zu Westernversionen von „Hey ya“ und „Its Getting Hot In Here“ setzten sich die Zuschauer in Bewegung, wobei vor allem die Turbojugendmitglieder erstmals in großen Scharen präsent waren.
Denn nach den indiskutablen Revolverheld und den überflüssigen SCHRÖDERS (Towers Of London hatten kurzfristig abgesagt) war es endlich soweit für die mächtigen TURBONEGRO. Diese waren nicht nur in ihrer aktuellen Militärfetisch-Kollektion zu bestaunen, sondern stellten auch Stücke von ihrem aktuellen Album „Party Animals“ vor (u.a. die guten „All My Friends Are Dead“ und „Wasted Again“). Hank entledigte sich schon nach wenigen Stücken – zur Freude der Jeansjackenträger - seinem kriegerischen Pelzumhang und stolzierte fortan halbnackt über die Bühne. Daneben gab er den Anwesenden Kostproben seiner Deutschkenntnisse zum Besten und freute sich über die Turbojugend vor Ort („..das macht mich scheiße-geil“). Selbige waren zwar zahlreich erschienen, sorgten aber nicht wirklich für die überragende Stimmung, die man von ihrem extrovertierten Selbstbild der letzten Tage hätte erwarten können, so dass es zwischen den Ansagen doch recht still wurde. Dafür konterte die Band mit guten Songs: „Sell Your Body“, „Are U Ready For Some Darkness“ und natürlich „I Got Errection“. Lediglich „Fuck The World“ fiel etwas ab in der ansonsten hervorragenden Setlist. Auch wenn viel Besucher die wüsten Norweger verpasst haben sollten, boten Turbonegro den wohl besten Auftritt des gesamten Festivals, bei dem sich Licht und Schatten in der Waage hielten. Allerdings ist gegen das Open Flair selbst Rock-Am-Ring alternativer einzuordnen, da die krude Publikumsmischung (Halbstarke, junge Familien, Fußballprolls und die sympathischen Turbojugendlichen) alles andere als ansprechend war: Die sonst zugkräftigen 18-25-Jährigen waren in Eschwege nur gering vertreten; ein Faktor, der die Festivalmacher in den nächsten Jahren nicht aus den Blickfeld verlieren sollten…
Info: www.open-flair.de
»
Keine Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
» Kommentar schreiben
|