 Musicload: Am User vorbei entwickelt? Das Internet – Medium der jungen Generation. Alles simst, blogt, chattet, saugt und uppt, bestellt Pizza online und verabredet sich per ICQ, MSN und telefoniert VoIP via Skype und Konsorten. Die Jugend im Jahr 2006 ist online – wann und wo auch immer. Da ist es doch nur logisch, wenn auch Musikhändler wie iTunes oder Musicload in der weiten Welt des Internets ihre Waren vornehmlich jungen Käuferscharen feilbieten. Doch weit gefehlt. Ein Blick auf die Statistik, in diesem Fall auf die Verkaufszahlen, belegt das Gegenteil. Die „Alten“ sind es, die den Onlineshops die Umsätze bringen, die ihr Bestehen rechtfertigen.
Ein Blick auf die Album-Charts bei iTunes und
Musicload sorgt für Staunen: STING und RAY CHARLES, MEAT LOAF und CHRIS DE
BURGH, WOLFGANG PETRY und CHRISTINA STÜRMER, PUR und ROSENSTOLZ sind
hier auf Top-10-Platzierungen zu finden. Allesamt Künstler, die nicht
in dem Ruf stehen, in den angesagten Clubs gespielt und von der Jugend
vergöttert zu werden. Was ist los, liebe Online-Gemeinde? Steht die Jugend vielleicht gar nicht auf Downloads aus dem Internet?
Nun war es immer so, dass die Album-Verkäufe den vermeintlich besser situierten Älteren vorbehalten waren. Doch die Vehemenz, mit der sich dies in den Download-Charts niederschlägt, kommt unerwartet. Selbst in den USA, wo sich diese Tendenz nur bedingt feststellen lässt und EVANESCENCE oder JUSTIN TIMBERLAKE die Spitze der digitalen Billboard-Charts schmücken, schaffte zuletzt Altmeister BOB DYLAN die Nummer 1 – nicht zuletzt dank überragender Downloads.
Das Musikgeschäft im Internet entwickelt sich immer mehr zur Spielwiese für technikverliebte Papis der Generation Ü40. Denn während Vati im Arbeitszimmer gerade die neue Platte von CHRISTINA STÜRMER bei iTunes ersteht und das hohe Loblied auf den Fortschritt singt, saugt sich Sohnemann eine Tür weiter seine Musik illegal bei Emule oder Bittorrent. Die noch so tollen Download-Zahlen täuschen nicht darüber hinweg, dass der Kauf von Musik über das Internet für jugendliche Hörer angesichts der Preispolitik der Konzerne nach wie vor weitgehend uninteressant ist.
 Apples iTunes - Spielzeug für den High-Tech-Papi? Im Sommer 2006, zwei Jahre nach Inbetriebnahme, hat iTunes in Europa über 200 Millionen Songs verkauft. Seit Oktober 2003 ist Musicload im Netz, das Konkurrenzangebot des deutschen Internetproviders T-Online. Seither streiten die beiden um die Vorherrschaft auf dem Sektor der kommerziellen Musikdownloads. Dies führte bereits zu einer deutlichen Vereinfachung des Kaufs digitaler Musikstücke, in Sachen Komfort und Auswahl stellen jedoch beide Plattformen keine wirkliche Alternative zu den illegalen Tauschbörsen dar. Am Beispiel von Musicload wird deutlich, dass die Industrie nach wie vor an den Bedürfnissen der User vorbeientwickelt.
Anstatt das Kaufen von Musik über das Internet zur einfachsten und unkompliziertesten Sache der Welt zu machen – wie es die illegale Konkurrenz vorexerziert – verrennen sich Plattenindustrie und Online-Stores in lästigen Kopierschutz-Hürden wie „Digital Rights Management“, die nicht nur das beliebig häufige Kopieren auf CDs oder Abspielgeräte unterbinden sondern Dateien nach einer Neuinstallation des Computers teilweise unbrauchbar machen.Preise von 1,99 Euro pro Song oder knapp 9 Euro pro kompletter Platte schrecken zusätzlich ab, orientieren sie sich doch weitgehend an den längst nicht mehr zeitgemäßen Preisen für CDs. Geld, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene nicht bereit sind zu investieren, solange die illegale Variante so viel einfacher ist.
Geht die Industrie nicht auf die Bedürfnisse junger Kunden ein, wird sie weder der Musikpiraterie noch sinkenden Absatzzahlen adäquate Lösungsansätze entgegensetzen können.Im Indie sieht die Situation dagegen etwas anders aus. Sicher auch, weil die Klientel über ein anderes Unrechtsbewusstsein verfügt. Wer Indie hört unterstützt den Lebensstil der Bands, der in den meisten Fällen mit dem eigenen identisch ist. Aber auch online?
 Jarvis: Online bei Finetunes (oben) teurer als auf CD "Kostenpflichtige Musik-Download-Services werden erst dann erfolgreich sein, wenn sie mindestens genauso komfortabel und attraktiv sind wie vergleichbare illegale Angebote. Kunden geben gerne Geld aus, es muss nur funktionieren und Spaß machen." Soweit der Auszug aus der Firmenphilosophie des Anbieters finetunes.net, einer Download-Plattform, über die kleine Labels die Platten ihrer Künstler online vertreiben können, wenn die großen Platzhirschen ihnen keine oder wenig Beachtung schenken.
Nach eigenen Angaben gehört finetunes „zu den größten Online-Distributoren“. Unverständlich eigentlich, da das Preisniveau zum Teil noch deutlich über dem der großen Konkurrenz liegt. Beispiel: Das neue Jarvis-Cocker-Album „Jarvis“ ist bei Musicload für 12,95 Euro erhältlich, bei iTunes sogar für 9,99 Euro. Bei finetunes kostet der Spaß stolze 16,14 Euro, im Einzeldownload aller Lieder sogar noch 1,80 Euro mehr. Immerhin lassen sich die finetunes-Varianten der Songs unbegrenzt kopieren und brennen. Aber warum online kaufen und dann brennen, wenn es das Werk beim Online-Versandhandel Amazon bereits auf CD gepresst, inklusive Hochglanz-Cover und allem Pipapo, für 13,89 Euro zu kaufen gibt?
Gut, dass wir verglichen haben. Online heißt also auch nicht immer günstiger. Dieser Fall zeigt deutlich, dass beim Thema Musikdownloads noch immer Welten zwischen Anspruch und Realität liegen. Und solange dies so ist, lässt sich das illegale Tauschen von Musik über das Internet nicht unterbinden, und Musicload & Co. bleiben weiter das Spielzeug der reichen Papis.
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