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ALKALINE TRIO: Agony & Irony PDF Drucken E-Mail
Platten - Aktuelle Plattenkritiken
Geschrieben von Jan Laging   
Montag, 7. Juli 2008

Image (Cooperative/Universal) Eine gefühlte Ewigkeit ist verstrichen, seitdem uns Alkaline Trio mit einem neuen Album beschenkt haben. Zwar waren die Compilation "Remains" und die Neuauflage von "Goddamnit" aller Ehren wert, aber für den Fan eben überwiegend altbekannt. Dementsprechend groß war die Vorfreude auf "Agony & Irony" gewesen, die jedoch von der gleichnamigen EP deutlich abgefedert wurde: Der alte melancholische Punkrock des Dreiers schien auf der Strecke geblieben zu sein. Wies das rockigere "Fire Down Below" vom "Warped-Tour"-Sampler (das leider nicht auf dem Album enthalten ist) noch in Richtung "Good Mourning", so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass "Agony & Irony" nicht mehr viel mit der Vergangenheit des Trios zu tun hat.

 

Keine größeren Probleme bereitet noch der Opener "Calling All Skeletons". Zwar schielt das eingängige Stück ganz unverhohlen auf Radio-Airplay, anderseits wird es von einer wirklich starken Gesangsmelodie von Skiba getragen und nistet sich mit dem Handclap-Beat für Wochen in den Gehörgängen fest. Das bereits seit längerem bekannte "Help Me" hat bislang für genügend Diskussionsstoff gesorgt: Kann man solch simplen Poprock noch gut finden? Sind das noch Alkaline Trio? Mittlerweile ist dem Misstrauen jedoch pragmatischer  Zustimmung gewichen, da "Help Me" nach einigen Anläufen tatsächlich die perfekte Single des Albums darstellt. An dieser werden jedoch bereits die ersten Wehrmutströpfchen sichtbar: Während früher der Wechselgesang zwischen den markanten Stimmen der beiden Protagonisten den besonderen Reiz des Trios ausgemacht hatte, wurde bei "Agony & Irony" der Part von Dan Adriano deutlich reduziert. Zwar ist er weiterhin an jedem Stück beteiligt; jedoch ist seine Stimme - sofern er nicht  als "Hauptsänger" agiert - ziemlich weit in den Hintergrund gemischt, wie auch bei "Help Me". Für viele Fans dürfte dies einen Verlust darstellen, wie das tolle "In Vein" sofort in den Kopf zurückruft. Ebenfalls vorab erschienen ist das Stück jedoch sofort auf geteilte Gegenliebe gestoßen, hat sich live beim Groezrock perfekt in die Discographie des Trios eingereiht und gehört zu den besten Stücken der neueren Bandgeschichte. Und wenn Adriano verzweifelt ein ums andere Mal "I don´t wanna take this place no more" singt, zählt man schon die Tage bis zur nächsten Deutschlandtour.

Nach dieser kleinen Sternstunde wird es jedoch happig, da sich an "Over And Out" die Geister scheiden: Während einige Wave-Verklärer das Stück als großen Kniefall vor Joy Divison anhimmeln, ist für andere die Strophe billig-langweilig instrumentiert und der Refrain beinahe schon schmierig pathetisch. Zumindest könnte man sich die Frage stellen, ob sich Skiba den Track nicht besser für sein Nebenprojekt Heavens hätte aufsparen können? Von hier ab wird jedenfalls deutlich, dass "Agony & Irony" polarisieren wird, wie kein anderes Album des Trios. "I Found Away" klingt beinahe schon fröhlich-euphorisch und erinnert mit seinem Dance-Beat im Refrain verdammt an die Killers! Die nächste Radio-Sings scheint also schon beschlossene Sache zu sein.

Bekanntlich wurden Alkaline Trio gerade für ihre düsteren bis morbiden Texte von ihren Anhängern verehrt und haben gemeinsam mit ihren Freunden Hot Water Music viele andere Bands lyrisch beeinflusst. Die drei aufeinender folgenden "Do You Wanna Know?", "Live Young, Die Fast" und "Love Love, Kiss Kiss" werden aber gerade durch ihre Refrains beinahe unhörbar gemacht. Dabei ist gerade das letztere und von Adriano gesungene eigentlich der perfekte College Song, dessen Daseinsberechtigung (in einem anderen Kontext?) gar nicht zur Frage stehen würde. Doch während im Kopfkino der älteren Scheiben eher Filme wie "Fargo" oder "American Psycho" gelaufen wären, erwecken die genannten Stücke eher Szenen von "American Pie". Jedenfalls kann man als Fan der älteren Scheiben mit den pseudo-Teenie-Hymnen nicht zu unrecht Probleme haben. Auch wenn sie einen ernsteren Hintergrund haben - will man solche Stücke auf dem Konzert noch mit Inbrunst mitsingen?

Das Ende des Albums wird vom (endlich mal) düsteren "Lost and Rendered" sehr versöhnlich eingeleitet, welches durchaus auf "Crimsion" hätte stehen können. "Ruin It" schlägt in eine ähnliche Kerbe und gehört auch zu den Höhepunkten der Cd: Hier entfaltet Adriano alle Vorzüge seiner melancholischen Stimme und verleiht der ruhigeren Nummer einen gewissen Wüsten-Flair. Bei "Into The Night" ist dann wieder "Skiba-Time", was leider auf "Agony & Irony" bedeutet, dass auch dieses Stück wesentlich beschwinglicher und fröhlicher anmutet, aber dennoch Sympathien vereint. Des Weiteren sind auf der Erstauflage noch das Stück "Burned in the House" und fünf Akkustiktracks enthalten (inklusive "Maybe I´ll Catch Fire"!), die jedoch auf der potthässlichen Promoversion leider nicht vertreten waren.

Das Gesamtfazit von "Agony & Irony" fällt insgesamt sehr gemischt aus: Während der Beginn und das Ende des Albums sehr überzeugen, ist der Mittelteil mehr als gewöhnungsbedürftig und kann den Alkaline-Ansprüchen nur zum Teil gerecht werden. Die Stücke unterscheiden sich teils sehr stark von einander und lassen ein irgendwie harmonisches Gesamtbild des Albums nicht zu (wie es früher oft der Fall gewesen ist), so als ob "Irony & Agony" für die Downloadportale produziert worden wäre. Außerdem wird es nahezu unmöglich werden, die Stücke mit all den elektronischen Spielereien und Effekten auf der Bühne irgendwie adäquat umzusetzen. Dennoch sind einige Perlen auf der Platte enthalten, die auch weiterhin eine klare Kaufempfehlung nahe legen. Denn natürlich wurde auch der Vorgänger "Crision" vor Jahren mit viel Kritik überschüttet und hatte mit der Gunst der Fans zu kämpfen und mittlerweile gehört es für manche zu den besten Veröffentlichungen der Band überhaupt. Aber eine solch positive Entwicklung kann man sich bei "Agony & Irony" beim besten Willen nicht vorstellen…

Info: www.alkalinetrio.com
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