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BENZIN: Auf los gehts los PDF Drucken E-Mail
Platten - Aktuelle Plattenkritiken
Geschrieben von Jan Laging   
Freitag, 16. Mai 2008

Image (Global Records) Die sprachliche Auffassungsgabe des Menschen ist schon erstaunlich: Während sich Ami- oder UK-Gruppen verbal so ziemlich alles leisten können (z.B. Eminem), werden die deutschen Pendants als unhörbarer Müll abgestempelt (z.B. Sido). Dieses Phänomen lässt in allen Musikgenres beobachten und selbstverständlich auch (gerade) im Poppunk. Denn schließlich haben New Found Glory, Millencolin und auch die Ataris in der Vergangenheit einige Böcke geschossen. Insofern wäre es eigentlich ziemlich unfair, Benzin alleine aufgrund ihrer Texte hin zu beurteilen…

 

…aber was muss, dass muss: Was uns Leute in Amazon-Besprechungen als „tiefsinnige deutsche Texte“ verkaufen wollen, ist ganz banale Ausschlussware von hanebüchenen Belanglosigkeiten pseudowitziger Weltversteher. In diesem Sinne sei die Selbstbeschreibung des Sängers aus „Sonnenaufgang“ erwähnt: „Ich bin Hobbyphilosoph und ein bisschen romantisch, komm vertrau mir blind, es ist schön wenn wir zusammen sind“. So etwas schreibt und singt man einfach nicht; vor allem, wenn man nüchtern und über fünfzehn ist!

Ganz vorne dabei ist auch das Hasslied „Laut“ („du wolltest schon immer nach Tokiooo, doch jedes Jahr endest du, irgendwo in Gütersloooh“) und Kollege „Endorphine“, dessen gekünzelten Pathos man dem Sänger zu keinem Zeitpunkt abnehmen will (von wegen, „ich will mehr Adrenalin und ein bisschen yeah-yeah-yeah“). „Cottbus im Regen“ entwickelt mit seinem Kalauer-Refrain schon beinahe ironischen Charme, der sich als Running-Gag in der WG-Küche („…und auf einmal ist dein Leben so wie…“) bestens erprobt hat.

Ärgerlicherweise beschleicht einem bei Benzin das Gefühl, dass zwischen den holen Phrasen viele verbale Puzzleteilchen versteckt sind, die nur des Reimes willen hervorgekramt werden: Teilweise wirken die Texte übel zusammengeschustert, indem Teile nur bemüht in ihren Kontext passen („du hast so viel Flair, wie ein menschenleeres Open-Air“), oder sich nur ganz schwerlich und schmerzlich reimen lassen (Desaster-Raster-Laster-ASTA). Die gewisse Beliebigkeit, die ansonsten von den Stücken ausgeht, ist vor allem dem penetrant in den Vordergrund gemischten Gesangs geschuldet: Insofern hat Produzent Achim Lindermeier (Die Happy, H-Blockx) ganze Arbeit geleistet, dass man die Gruppe auch richtig scheisse finden kann.

Musikalisch ist die Band ansonsten halbwegs solide: Benzin sind mitnichten eine Rammstein-Coverband, sondern fühlen sich eher zwischen den Ärzten (in den besseren Momenten) und den Schröders zu hause. Allerdings fällt es dem Powerpop zeitweise schwer, nicht in schmierigeren und vor allem berechnbaren Revolverheld-Deutschrock abzugleiten. Letzteres kann auch ganz schön nerven: Wenn dann plötzlich genau diese Stellen in den Liedern auftauschen, bei denen man jetzt schon drauf wetten kann, dass der Sänger die Teenies beim Konzert zum springen auffordern wird, damit diese danach ihren Freundinnen auf dem Pausenhof erzählen können, was das gestern für ne „fette Show“ gewesen ist…man kennt das ja.

Dennoch macht es die Sache auf dem schwierigen Musikmarkt keinesfalls besser: Benzin scheinen einfach zu der Sorte Band zu gehören, die aus ihrem Mainstream Alternativ-Musikverständnis heraus herleiten, dass man als Gruppe ziemlich cool ist, auch wenn man nicht viel zu sagen hat. Und deswegen machen die „vier Rockracketen aus Ulm“ auch genau diesen schwerverdauliche „deutschsprachige Gitarrenscheisse“. Subjektiv mag in einem Album wie „Auf los geht’s los“ sicher ne Menge guter Laune stecken - für Außenstehende ist es eher ne Menge heiße Luft.

Info: www.meinbenzin.de
» 1 Kommentar
1Kommentar von Mick am Montag, 21. Juli 2008 12:14
Sehr geehrter Herr Laging, 
ich musste mir Ihren Artikel etliche Male durchlesen um sicherzugehen, dass wir auch vom gleichen Album reden, welches Sie hier in arg oberflächlicher Form versuchen mieszumachen. Es fällt mir insgesamt recht schwer, zu glauben, dass Sie ein komplettes Album alleine auf die Sauberkeit von Reimen oder auf die Running-Gag-Fähigkeit eines Refrains reduzieren. Für jemanden, der Alben-Kritiken schreibt, scheint mir eine Rezension, die zu 90% auf Banalien basiert, doch irgendwie schwach. Kein Wort über abwechslungsreichen Sound (den man bei sehr erfolgreichen Bands wie z.B. Bad Religion nichtmal findet, weil jedes Lied gleich klingt), nur Genörgel über herausgepickte Textstellen (nehmen Sie sich doch mal die Ärzte vor, wenn Sie dahingehend schon Vergleiche treffen - aber dann werden Sie von den zahlreichen Fans sicherlich gelyncht ;-). 
Ich möchte jedenfalls nicht wissen, wieviele Texte englischsprachiger Lieder der Herr beim Hören automatisch übersetzt, deren Sinnhaftigkeit aufs Genaueste prüft und obendrein darauf achtet, dass auch bloß die Reime schön sauber sind! - Da vergeht einem doch das Musikhören.... 
Als nächstes die rausgepickten Textstellen: Wenn ich mir als Beispiel „du hast so viel Flair, wie ein menschenleeres Open-Air“ rauspicke - ich persönlich finde insbesondere diese Assoziation incl. perfektem Reim UND Sinn absolut toll. Nächstes Beispiel: "Und auf einmal ist dein Leben - so wie Cottbus im Regen - Nicht grade schön" Auch hier ist ein wenig Phantasie gefragt. Wenn man natürlich leichte niveaulose Kost erwartet, die sich halt einfach reimt, dann versteht man den Sinn wohl einfach nicht. Dann müsste der Refrain in etwa so gehen: "Mein Leben ist so Scheisse, da krieg ich gleich ne Meise". 
Achja.. es wurde ja auch über die Live-Fähigkeit der Herren Benzin hergezogen. Angebliche Stellen, an denen der Sänger bestimmt zum hüpfen auffordert. Is nich, lieber Jan, iss nich! .. man merkt, dass die Schlechtmacherei auch hier ausschliesslich auf Vermutungen basiert. Live eine ganz grosse Nummer, abwechslungsreich und voll im Dialog mit dem Publikum (und damit meine ich nicht etwaige Aufforderungen zum Springen oder mitsingen). 
Schliesslich und endlich kann ich dem Herrn Kritiker ans Herz legen, die Band mal live kennenzulernen und sich vorbehaltslos eine Meinung zu bilden. Eine Kritik ausschliesslich basierend auf Texten (vielleicht reicht ja das lesen eines Booklet heutzutage zu einer ausführlichen Rezension eines Albums aus? - Man weiss es nicht..) und vagen Vermutungen rechtfertig es meiner Meinung nach definitiv nicht, eine Band so "richtig scheisse finden" zu können. 
Was ich persönlich jedoch so "richtig scheisse finde": Diese ganz arme und inkompetente Kritik für ein wirklich gutes Album! 
 
Es grüßt 
Mick
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