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(Metal Blade) Musik ist eine Massenware, die in immer größeren Datenmengen produziert und verbreitet wird. In einem ähnlichen Maße, wie sich die Musikdateien auf dem heimischen Rechner selbst entwerten, wird die Kunstform als (Unterhaltungs)Musik nur noch in einem sehr kurzen Zeitabschnitten konsumiert, während eine Auseinandersetzung mit dem Werk oft nicht mehr stattfindet. Daher ist es umso bedauerlicher, dass die aktuelle Veröffentlichung von The Ocean auseinander gerissen wurde und für diese Besprechung lediglich die „Proterozoic“ Disk als Promo vorliegt. Denn The Ocean haben mit „Precambrian“ ein Werk geschaffen, welches in seiner Gesamtheit beurteilt werden sollte; so intensiv und nachhaltig wirkt ihre Musik.
Das im Handel erhältliche Doppelalbum besteht nämlich aus den beiden CDs „Hadean/Archean“ und „Proterozoic“, mit jeweils fünf, bzw. neun Stücken. Ähnlich wie Mastodon und Thrice sich an den Elementen versuchen, haben The Ocean mit den Erdzeitaltern ein sehr ambitioniertes Grundthema auserwählt. Das Präkambrium bezeichnet nämlich die Zeit vor dem erdgeschichtlichen Zeitalter des Kambriums und ist damit eine Zusammenfassung für die erdgeschichtlichen Äonen (Zeitalter) Hadaikum, Archaikum und Proterozoikum, was die Namensgebung des Albums erklärt. Und nicht nur aufgrund seines Themas sticht Precambrian aus den Veröffentlichungen hervor, auch die Umsetzung bildet einen einzigen Superlativ: Neben den „festen“ Mitgliedern von The Ocean waren weitere 26 Musiker an dem Doppelalbum beteiligt, unter anderem die Berliner Philharmoniker und Gastsänger aus dem Hardcore-Bereich wie Caleb Scofield (Cave In, Old Man Gloom), Nate Newton (Converge, Doomriders), Dwid Hellion (Integrity), Tomas Hallbom (Breach) oder Eric Kalsbeek (Textures). Der Aufnahmeprozess hat sich über sechs Monate hingestreckt, in denen beinahe 90 Minuten Musik aus verschiedensten Winkeln der Welt zusammengetragen worden sind.
Hinter The Ocean verbirgt sich ein Berliner (!) Kollektiv von neun Bandmitgliedern, welche die Instrumentierung des Albums voll ausreizen: Selten hat man z.B. ein Glockenspiel derartig dominant in Szene gesetzt gehört, wie in „Statherian“ und auch die Streicher, Klaviersounds, Bläser und so weiter sind effektiv und organisch in die Stücke mit eingebaut. Dabei sind sie jedoch nie bloße Stilmittel, sondern bilden integrale und zentrale Bestandteile der Lieder. Ständig passiert etwas; das Kopfkino wird permanent bedient. „Calymmian (Lake Dissapointment)“ entwirft eine ruhige und gleitende Klanglandschaft, die so plötzlich erupiert, als würde ein mächtiger Vulkan ausbrechen. Vor dem geistigen Auge schieben sich zähe Lavamassen vorbei, welche in ihrer Zerstörungskraft lebensfeindlich sind. Was sich vielleicht pathetisch anhört, wird von The Ocean genau bezweckt: Das Artwork, die Musik und die Texte, welche vom französischen Protosurrealisten Lautréamont und seinem düsteren Hauptwerk „Die Gesänge von Maldoror“ beeinflusst sind, sollen ein Gesamtwerk ergeben und somit auch in einem Gesamtzusammenhang betrachtet werden. Dennoch muss man keine Philosophie oder Geologie-Schinken wälzen, um Zugang zu den Stücken zu gewinnen. Denn obwohl diese komplex und ausufernd gestaltet sind, erschließen sich die Lieder, wie das einprägsame „Orosirian (For The Great Blue Cold Now Reigns)“, nach einigen Wiederholungen. Nichtsdestotrotz entdeckt man auch nach dem Dreißigsten Durchlauf noch Feinheiten im Klanggerüst von The Ocean, welche das Album in seiner Vielschichtigkeit wachsen lassen: Sehr negative, brutale und bedrückende Momente stehen in einem permanenten Wechsel mit sehr melodischen und positiven Teilstücken („Stenian (Mount Sorrow)“). Letztere sollen auf der „Hadean/Archean“ Disk, welche sich mit der Entstehung der Atmosphäre und der Abkühlung der Erdoberfläche beschäftigt, völlig fehlen, da die Stücke dementsprechend kühler und brutaler klingen sollen. Der Härtegrad der Musik ist somit an das Konzept der Songs gebunden und besitzt ein anderes Selbstverständnis als im traditionellen Hardcore oder Metal.
Dementsprechend verwehrt sich das Album allen Kategorien und wird auch durch die Eigenbezeichnung „Ambient Soundtrack Doomrock“ unter Wert verkauft. Der Gehalt und Anspruch von „Precambrian“ sind so enorm, dass es neben den Verdiensten von Isis, Tool und Neurosis einzuordnen ist. Die Musiker bezeichnen ihr Album im Booklet sogar als Manifest, gegen die postmoderne Wahrnehmung von Musik, die nur noch als Datengröße auf einer Festplatte wahrgenommen wird: „It is an album for people who still believe in the idea, that an album can be more, and should be more, than the sum of its tracks”. Diesen Beweis haben The Ocean eindrucksvoll erbracht: „Precambian“ ist eines der besten und wertvollsten (im weitesten Sinne: Metal-)Alben der letzten Jahre und verdient unbedingte Aufmerksamkeit und Wertschätzung!
Info: www.theoceancollective.com / Die Gesänge des Maldoror »
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